 |
Michaela Kohlhaas
von Heike Geißler
Literarisch hervorragend. Heike Geißler malt mit Sprache. Ihre Sätze, ihre starken Bilder und der an Kleist angelehnte Sprachduktus machen das Buch zu etwas Besonderem. Was die Handlung und die Person betrifft, ist es ein verstörender, selbstzerstörender Prozess, dem man als Leser:in beiwohnt und der einen nicht kalt lässt.
Es geht um eine Frau, Michaela Kohlhaas, die aus ihrem alten Leben aussteigt und sich, auf der Straße lebend, mal still mal laut durchschlägt. Zum Inhalt unten mehr.
Aufgrund des Vorbilds "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist, hatte ich mehr Wehrhaftigkeit von der Protagonistin erwartet. Das ist aber nicht in deren Sinne, auch nicht im Sinne der Autorin, und vielleicht auch der Zeit in der wir leben geschuldet. Michaela Kohlhaas nimmt einen Tag wie den anderen, führt den Lebenswandel einer Vagabundin, kampiert mal in der Stadt, mal im Wald, zieht mit ihrem Karren übers Land. Krank, zerlumpt, verlacht, verjagd, bleibt ihr gerade noch ein Jahr um, mal im lauten, mal im stillen Protest ihre Meinung kundzutun. Ihr geht es nicht um einen großen Plan, darum für Gerechtigkeit zu sorgen, Rache zu üben, oder auch nur Menschen zum Nachdenken zu bringen, oder etwas zu verändern. Obwohl sie, ohne es zu forcieren, doch etwas verändert, zumindest bei der Ich-Erzählerin, die Michaela Kohlhaas als Verbündete in ihren Bann zieht. Vielleicht auch bei den Leser:innen des Buches.
Ein Roman der wichtig ist, viele Fragen stellt, aber keine einfache Kost ist.
Die Autorin zu ihrer Idee zum Buch im Interview:
"Anders als Kleists Kohlhaas reagiert Michaela Kohlhaas nicht auf ein konkretes Ereignis. Auch das war ein Umstand, den ich zuerst schwer zulassen konnte. Ich habe viele Seiten geschrieben, Seiten voller Ereignisse, die die Figur auf- und ausbrechen lassen, die sie zu einer sich rächenden, wütenden Zerstörerin machen. Aber irgendwann war mir klar, so ist diese Figur nicht. Sie hat, wie die meisten Menschen, Unrecht erfahren. Ich weiß mehr über ihre Vergangenheit, als ich im Buch erzähle. Ich legitimiere ihren Ausbruch nicht mit konkret erfahrenem Unrecht, Michaela Kohlhaas entwischt der Welt und stellt sich ihr in den Weg, weil diese zutiefst ungerecht eingerichtet ist und, den Regeln des Kapitalismus folgend, Ungerechtigkeiten in jedweder Hinsicht belohnt. Sie könnte sich an Details des Unrechts abarbeiten, aber sie hat, in ihrem tiefsten Inneren, das ungerechte Ganze im Blick." (Quelle: Suhriamp Verlag)
Roman, Verlagsbeschreibung:
»Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.« So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht »mit wehenden Fahnen« ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist eine tollkühne Überschreibung der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist. Ihre Michaela ist eine Schimpfende, eine Stinkende, eine Zärtliche. Eine große Liebende, die nicht bloß Verbesserung will – sie verlangt Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.
Erscheinungstermin: 19.05.2026
Suhrkamp, Fester Einband, 253 Seiten, EUR 24.--
|