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Romane 2.2019

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Max, Mischa und die Tet-Offensive


von Johan Harstad

Großer USA- und New-York-Roman über die Zeit zwischen 1950 und 2000. Fokus Vietnam-Krieg, Künstlerszene New York und die große Frage nach der Heimat. So authentisch, dass man beim Lesen versucht ist, die im Roman auftauchenden Personen, meist Künstler, in wikipedia zu suchen. Die politischen Ereignisse noch mal zu recherchieren und das Wissen aufzufrischen sowieso.

Handlung:

Max Hansen wächst in Norwegen auf. Genauer: im Stavanger der 80er Jahre, wo die Väter für Monate auf Ölplattformen verschwinden, während die Kinder im Märchenwald Vietnamkrieg spielen. Ein Idyll - bis Max‘ Familie in die USA emigriert.
Während der Vater nun von Long Island aus um die ganze Welt fliegt und so selten zu Hause ist, dass die Ehe der Eltern daran zu zerbrechen droht, rücken Max und seine ebenso einsame Mutter näher zusammen. Bis Mordecai kommt, der zunächst Max‘ bester Freund und später ein bekannter Schauspieler wird. Er macht ihn auch mit Mischa bekannt, einer sieben Jahre älteren bildenden Künstlerin. Max und Mischa verlieben sich ineinander. Sie ist es auch, die Max anstiftet, sich auf die Suche nach seinem geheimnisvollen Onkel, zu machen, einem Vietnam-Kriegsveteranen, mit dem sein Vater vor langer Zeit gebrochen hat. Sie finden ihn im Apthorp-Building in Manhattan und ziehen schon bald bei ihm ein. Die unkonventionelle WG, in der man einander mit Großmut und Verständnis begegnet, wird zum Epizentrum des Lebens von Max, Mischa, Mordecai und Onkel Owen. Für einen Moment scheint es, als hätte Max ein Zuhause gefunden.
Zum Autor:
Johan Harstad, geboren 1979 in Stavanger, veröffentlichte in Norwegen zwei vielbeachtete Erzählbände, bevor dort 2005 sein erster Roman erschien, der in zehn Sprachen übersetzt wurde. Harstad wurde mit dem Ungdommens Kritikerpris, dem Bragepris, dem Ibsenpris und dem Hungerpris ausgezeichnet. Er lebt in Oslo.

Verlag:  Rowohlt, 1248 Seiten EUR 34.--

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Auf Erden sind wir kurz grandios


von Ocean Vuong

Einer der meistbesprochenen und gelobeten Romane dieses Herbstes! Der Debütroman des Autors. Ein sprachlich außergewöhnliches Werk, diese Reise des Protagonisten und Autors in die Vergangenheit, seine Kindheit, nach Vietnam.

Inhalt:

„Lass mich von vorn anfangen. Ma …“ Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Vuong schreibt mit alles durchdringender Klarheit von einem Leben, in dem Gewalt und Zartheit aufeinanderprallen. Das kraftvollste Debüt der letzten Jahre, geschrieben in einer Sprache von grandioser Schönheit.

Hanser Verlag, 240 S., EUR 22.-

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Archiv der verlorenen Kinder

 

von Valeria Luiselli

Ein vielschichtiger Roman voller Echos und Reflektionen.

Inhalt:

Eine Patchwork-Familie aus New York, bricht zu einer Reise auf. Das Ziel ist Apacheria, das Land, in dem einst die Apachen zu Hause waren, der Hintergrund: ein Forschungsauftrag.

Sie fahren durch Wüsten und Berge, machen Halt an einem Diner, wenn sie Hunger haben, und übernachten, wenn es dunkel wird.

Gleichzeitig sind Tausende von Kindern aus Südamerika auf dem Weg in den Norden zu ihren Eltern, die schon in den USA leben. Jedes hat einen Rucksack dabei mit einem Spielzeug und sauberer Unterwäsche. Die Kinder reisen mit einem Coyote: einem Mann, der ihnen Angst macht. Sie haben einen langen Marsch vor sich, für den sie sich Essen und Trinken einteilen müssen. Sie klettern auf Züge und in offene Frachtcontainer. Nicht alle kommen bis zur Grenze.

Mit literarischer Virtuosität verknüpft Valeria Luiselli Reise und Flucht zu einem vielschichtigen Roman, zu einer bewegenden und brandaktuellen Geschichte darüber, was Flucht und was Menschlichkeit bedeuten in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. (Der Verlag)

Verlag Antje Kunstmann  432 Seiten, EUR 25.---

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Wo wir waren


von Norbert Zähringer

Den Roman habe ich sehr gerne gelesen. Meisterhaft verknüpfte Erzählstränge, glaubwürdige Charakteren, gute Beobachtung der Zeit. Kleiner Kritikpunkt: Manchmal übertrieben authentische Schilderung der "Reliquen" der damaligen Zeit - 70erJahre ("Bonanza-Rad", Fernsehserien wie "Am laufenden Band", spezielle Süßigkeiten...) Aber ich bin eben ein Kind der Zeit. Übrigens wurde der Roman auch nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019. Für die Shortlist hat es nicht gereicht.

Handlung:

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 betritt Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Abermillionen verfolgen auf der Erde die Fernsehübertragung. Das machen sich einige zunutze. Martha Rohn etwa, wegen Mordes verurteilt, entkommt in jener fernsehstillen Nacht aus dem Frauenzuchthaus, und ihr fünfjähriger Sohn Hardy flieht aus dem Kinderheim, in das er als vermeintliches Waisenkind „Nummer 13“ nach ihrer Verurteilung gesteckt wurde. Er weiß nichts über sie, weiß nicht einmal, dass sie noch lebt. Ein Ehepaar nimmt sich seiner an, bietet ihm ein Zuhause in der Neubausiedlung am Kahlen Hang, im Rheingau. Da träumt er davon, eines Tages Astronaut zu werden, und tatsächlich – Jahre später, in Amerika, ist die Verwirklichung des Kindheitstraums zum Greifen nah.

„Wo wir waren“, ein breit gefächerter, ein gesamtes Jahrhundert umspannender Roman einer zerrissenen Familie, ist ungeheuer farbig und einfallsreich erzählt, mal rasant, mal nachdenklich, ein großes Tableau, das Zeiten, Länder, Geschichtliches und vor allem eine Vielzahl von Schicksalen verschränkt, von Cliffhanger zu Cliffhanger vorwärtsjagend und dann wieder anrührend und zart. Ein Roman über das Flüchten und Auf-der-Flucht-Sein, über Heimat und Fremde, Zufall und Verwandlung und immer wieder die Frage: Wo waren wir, und wo werden wir einmal sein?

Rowohlt, 512 S., EUR 25.--

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Der Sommer meiner Mutter von Ulrich Woelk. C.H.Beck. Auch auf der Longlist Dt. Buchpreis.

zum selben Thema, allerdings Beziehungsgeschichte, die am Tag der Apollo 11 Landung auf dem Mond vor 50 Jahren am 21.07.1969, die Familienidylle enttarnt.

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Der Gott der Stadt


von Christiane Neudecker

Eine großartige Erzählung über das Leben von Schauspiel- und Dramaturgiestudenten im Berlin kurz nach der Wende. Verknüpft mit dem Schicksal eines zu früh verstorbenen Dichters in den 20er Jahren, dessen Faust-Fragment die Studierenden inszenieren sollen.

Handlung:

Am Anfang steht der Tod. Jemand versinkt zwischen geborstenen Eisschollen und eine Leiche baumelt von der Decke eines Theaters. Die Todesfälle liegen Jahrzehnte auseinander, doch es ist der gleiche Todestag: der 16. Januar. Im Winter 1912 ertrank Georg Heym beim Schlittschuhlaufen, 1995 werden die Novizen einer elitären Schauspielschule im gerade wiedervereinten Berlin auf sein verrätseltes Faust-Fragment angesetzt. Angestachelt von ihrem Professor verstricken sie sich immer tiefer in den Gedankenlabyrinthen des genialischen Dichters. Der psychologische Druck steigt, Konkurrenz entflammt, Wahn und Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen. Dann wird ein Toter auf der Probebühne der Schule gefunden. War es Mord, Selbstmord - oder doch ein Teufelspakt?
Die Autorin, Christiane Neudecker, geb. 1974, studierte Theaterregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, die Handlung lebt davon!


Luchterhand, 672 S., gebunden EUR 24.--

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Das flüssige Land


von Raphalela Edelbauer

Zu Recht!: Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist)
Nominiert für den Österreichischen Buchpreis 2019

Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastischer Roman. Vielleicht ist dies zu hoch gegriffen, trotzdem schreibe ich es hier: grotesk wie Kafkas Schloß.

Ein Ort, der nirgendwo verzeichnet ist, zu dem keine Straße führt, der offensichtlich nicht gefunden werden soll, der völlig autark und ohne Außenbeziehungen lebt. Dort herrscht eine  Gräfin, die auf kuriose Weise alles Leben und Handeln n der Gemeinde bestimmt. Doch sie ist der wachsenden geographischen Gefahr, einem gigantischen Hohlraum unter der Gemeinde, der die Häuser zum Einstürzen bringt und das Leben der Bewohner bedroht nicht gewachsen. Vielleicht könnte die Physikerin, die es auf der Suche nach der Herkunft ihrer Eltern in das Dorf verschlägt, helfen.

Verlagsbeschreibung:

Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist.
Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind.

Klett-Cotta, 350 S., gebunden EUR 22.--

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Miroloi


von Karen Köhler

Ein vieldiskustiertes und rezensiertes Buch in diesem Herbst. Auch weil es auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, was auf viel Kritik stieß. Der ich mich, schon vorweg gesagt, nicht anschließe.

Verkürzt zusammengefasst: Ein Emanzipationsroman eines jungen Mädchens in einer archaischen Gemeinschaft lebend, in der Frauen nur Pflichten  und keine Rechte z.B. auf Bildung haben. Erzählt wird die Geschichte in einfacher, der dem Mädchen entsprechenden Sprache erzählt. Die Besonderheit: es wird in Strophen erzählt. "Miroloi" der Titel des Buches kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Rede über das Schicksal", in der griechisch-orthodoxen Kirche Traditionell von Frauenn gedichtetes und gesungenes Totenlied. Das Mädchen, als Findelkind ohne Namen, singt sich in diesem Buch ihr Leben, ihr Miroloi, Strophe für Strophe selbst, da es weiß, dass ihren Tod niemand besingen wird.

Verlagstext:

"So eine wie ich ist hier eigentlich nicht vorgesehen." - Karen Köhlers erster Roman über eine junge Frau, die sich auflehnt. Gegen die Strukturen ihrer Gesellschaft und für die Freiheit
Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Geschrieben stehen die Gesetze in der sogenannten "Korabel". Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.

Eine durchaus interessante Geschichte. Spätestens ab der Hälfte des Buches wird das Ende jedoch vorhersehbar. Deshalb eher der Plot und der Aufbau der Geschichte interessant und: die Nebenfiguren.

Hanser, 464 S., gebunden EUR 24.--

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Das Schöne, schäbige, schwankende

 

von Brigitte Kronauer

Von Brigitte Kronauer kurz vor ihrem Tod fertiggestellt. 39 Porträts von Menschen, die sich in ihrem Leben mit einer dramatischen Wendung konfrontiert sehen.

Klappentext:

Ein Haus im Wald mit blauen Schlagläden. An den Wänden Schautafeln, über und über mit Vögeln bedeckt, im lichten Geäst der Stämme Vogelgezwitscher. Der Schriftstellerin, die vorübergehend im Haus des Ornithologen lebt, will mit ihrem Roman nicht recht vorankommen. Stattdessen drängen sich ihr die Vögel des Waldes auf, und bald schon schälen sich aus ihnen die Gesichter von Freunden und deren Geschichten: die Schönen, die Schäbigen und die Schwankenden. Unbehelligt verfasst sie eine Geschichte nach der anderen, bis es eines Nachts an die blauen Schlagläden klopft und der Ornithologe sein Haus zurückfordert.

Klett-Cotta, 596 S., gebunden EUR 26.--

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Die Zeuginnen


von Margaret Atwood

Die Fortsetzung von „Der Report der Magd“

Shortlist The Booker Prize 2019

Verlagsbeschreibung:

„Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.“ - Als am Ende vom „Report der Magd“ die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds „Report“ zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit „Die Zeuginnen“ nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. „Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“
 
Berlin Verlag, 576 S., EUR 25.--

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Graue Bienen


von Andrej Kurkow

Ukraine heute: Im Mittelpunkt: Ein Held, der sich zwischen den Fronten lebend bewegt, nur auf das Wohl seiner Bienen fokussiert, und der es immer wieder schafft, mit einer Prise Naivität und Humor, seinen Weg relativ unbehelligt zu gehen. Ein erfrischendes Buch - trotz bedrückendem Hintergrund.

"Es gibt Menschen, die den Bienen nicht das Wasser reichen können, und es gibt Menschen, die den Bienen gleichen. Menschen, denen die Bienen nicht das Wasser reichen können gibt es wahrscheinlich nicht." So sieht Sergejitsch die Welt.
Es verwundert daher kaum, dass er die Zerissenheit und den Kriegszustand in seiner Heimat wohl wahrnimmt, aber sich in dieser Wirklichkeit einrichtet. Seine Heimat ist das Donezk Gebiet. Er lebt in der sogennanten grauen Zone die von der Ukrainischen Armee auf der einen Seite und russischen Separatisten auf der anderen Seite stark bekämpft wird. Ein Sinn erschließt sich Serge und früher seinem Nichtfreund, jetzt aufgrund der Situation, dass sie nur noch zu zweit im Dorf leben, doch irgendwie seinem wenigstens Nichtfeind, nicht. Sie harren seit drei Jahren im Gebiet aus, Denn: "Man konnte das Dorf doch nicht ohne Leben lassen. Wenn alle weggingen, dann kam auch niemand mehr zurück! Aber so würden sie auf jeden Fall wiederkommen. Wenn entweder "der Unsinn in Kiew aus war oder die Raketen und Granaten."
Da ein Ende der Detonationen nicht in Sicht ist, und sich Serge um seine Bienen sorgt, und da der Frühling naht, packt er seine Bienenstöcke auf seinen Anhänger und macht sich mit seinem alten Auto auf den Weg durch ein zerissenes Land. Wie er mit siener Naivität immer irgendwie durchkommt hat schon "schweijksche" Züge.
Die Sprache sehr bildhaft, die Charaktere oft wunderlich, aber glaubwürdig und ihrer Lebenssituation geschuldet. Es sind einfache Menschen, die sich fatalistisch mit den Gegebenheiten arrangieren. Ganz auf ihren Minikosmos beschränkt. Vielleicht das Faszinierendste an der Erzählweise und den Protagonisten in diesem Roman. Trotzdem ist es auch ein politischer Roman, denn was zwischen den Zeilen steckt, die Annektion der Krim und expansives Verhalten durch die Unterstützung prorussischer Gruppen in der Ukraine, die vielen Vertriebenen und das Leben in politischer oft lebensbedrohlichen Zuständen ist allgegenwärtig.

Verlagsbeschreibung:
Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung und wunderbare Produktivität. Eines Frühlings bricht er auf: Er will die Bienen in eine Gegend bringen, wo sie wieder in Ruhe Nektar sammeln können.

Diogenes, 448 S., EUR 24,--

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Die Leben der Elena Silber


von Alexander Osang

Nominiert für den Deutschen Buchpreis!

Dieses Buch hat mich überraschend gefesselt. Ich bin keine Freundin von Familiengeschichten in turbulenter Vor- und Nachkriegszeit mit Vor- und Rückblenden, verschiedenen Erzählsträngen über die Zeit hinweg mit meist starken Frauenporträts geschrieben für ein bestimmtes Zielpublikum. Doch dieser Roman ist anders.

Es beginnt mit einem Schock 1905 in Russland, der Vater von Jelena der späteren Hauptprotagonistin des Buches, da noch 2 jahre alt, wird wegen antizaristischer Propaganda in den Wirren des Putsches gegen den Zaren hingerichtet. Es folgen Flucht, Entwurzelung, neue Familienkonstellation, wieder Flucht....

Der Erzählstrang der über 100 Jahre später in Berlin spielt, erzählt die Geschichte von Konstantin, dessen Verbindung zu Elena wird zwischen den Zeilen aufgedeckt. Sie war seine Großmutter.
Es ist kein politisches oder historisches Buch, die Personen leben in der Zeit und erleben diese mit ihren Schrecken und dem wenigen an Positivem. Vielleicht ist es deshalb so gelungen, so authentisch, vielleicht auch, weil  die Leser*innen gefordert sind, sich ihre eigene Gedanken über die Verflechtung der Personen in der Zeit zu machen, bleibt doch vieles zwischen den Zeilen.

S. Fischer, 624 S., gebunden EUR 24.-

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Dieser weite Weg

 

von Isabel Allende

Spanien unter Franco, Chile unter Pinochet. Isabel Allende erzählt, wie man es von ihr erwartet. Sie fängt die politischen Geschehnisse ein und bringt sie den Leser*innen durch die Schilderung eines langen Lebens ihres Hauptprotagonisten nahe. Einer ihrer besten Romane - vor allem in den letzten Jahren.

Handlung:

Der junge, idealistische Katalane Víctor Dalmau beginnt gerade als Arzt zu praktizieren, da bricht der Bürgerkrieg aus. Seine Familie beschließt, das belagerte Barcelona zu verlassen, aber der Marsch über die Pyrenäen endet desaströs. Unterdessen stirbt Víctors geliebter Bruder an der Front, und Víctor bringt es nicht über sich, seiner hochschwangeren Schwägerin Roser, einer angehenden Pianistin aus armen Verhältnissen, die ganze Wahrheit zu sagen. Und auch in Frankreich ist kein Bleiben, deshalb organisiert Víctor für Roser und sich in letzter Minute eine Überfahrt nach Südamerika. Im chilenischen Exil wächst sich ihre Verbundenheit nach und nach zu etwas Größerem aus, ist es Liebe? Rosers harte Arbeit zahlt sich jedenfalls aus, sie wird weithin gefeiert für ihr Klavierspiel. Für sie und Víctor scheint ein spätes gemeinsames Glück greifbar nahe – bis plötzlich eine weitere politische Katastrophe ihre Pläne zu vereiteln droht …

Suhrkamp, 381 S., gebunden EUR 24.--

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Nacht in Caracas


von Karina Sainz Borgo

Politischer Roman über Venezuela. Ein packendes Zeitdockument über Chaos, Elend, Terror in den letzten 20 Jahren.

Verlagsbeschreibung:

Karina Sainz Borgos Roman "Nacht in Caracas" ist ein intensives literarisches Debüt über das Schicksal einer jungen Frau und ein virtuoses Portrait eines untergehenden Landes.
Adelaida beerdigt ihre Mutter, aber sie bleibt nur kurz am Grab stehen. Auf dem Friedhof ist es gefährlich, genau wie an jedem anderen Ort in Venezuela. Noch vor kurzem kamen die Menschen aus Europa, um hier ihr Glück zu machen. Nun versinkt das Land in Chaos und Elend. Als Adelaida gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben wird, weiß sie nicht wohin. Alles, was sie geliebt hat, existiert nur noch in ihrer Erinnerung. Wenn sie sich retten will, bleibt ihr nur die Flucht.

S.Fischer, 224 S., gebunden EUR 21.--

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Der Traum von China

 

von Ma Jian

Verlagsbeschreibung:

In einer schneidenden, Orwell'schen Satire auf Präsident Xi Jinpings "Traum von China"-Propaganda zeigt Ma Jian, was für Mächte da am Werk sind: China heute ist ein totalitärer Überwachungsstaat modernster Prägung mit einer Mischung von nationalistischer Ideologie, grenzenlosem Materialismus und einer Herrschaft durch Gewalt und Lügen. In diesem Roman, der Kunst und Aufruf zum Kampf zugleich ist, verbindet sich die tragische und absurde Realität mit den Kräften des Mythos und der Phantasie zu einem ungeschönten Porträt des Landes an der Schwelle zur Weltherrschaft.

Handlung:

Einen höheren chinesischen Provinzbeamten verfolgen immer häufiger Albträume aus seiner gewalttätigen Vergangenheit in Zeiten der Kulturrevolution. Dabei hat er eigentlich, im Sinne von Xi Jinpings Ideen von einer "verjüngten Gesellschaft", den Auftrag, die Vergangenheit ruhen zu lassen und ein neues China zu erschaffen. Die ausgegebene Parole des "Traumes von China" will der Beamte durch "Gleichschaltung der Träume" erreichen. Das geht sehr ins Absurde aber in der Überzeichnung leigt die Kraft.

zum Autor:
Ma Jian, geboren 1953 in Qingdao, lebte als Schriftsteller und Maler in Peking, später in Hongkong, seit 1999 im Londoner Exil. Einige seiner Werke sind unter dem Verdacht der "geistigen Verschmutzung" in China verboten. Zuletzt erschien sein Roman "Die dunkle Straße".

Rowohlt, 192 S., gebunden EUR 22.-

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Hier sind Löwen

 

von Katerina Poladjan

Ein wichtiges, bisher sehr vernachlässigtes Thema zumindest als Erzählung: der Völkermord an den Armeniern.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis. Longlist

Handlung:

Helen, eine Buchrestauratorin, hospitiert in einem Museum in Jerewan, Ziel ist die Restaurierung einer 100 Jahre alten armenischen Bibel. Helen, die auch armenische Wurzeln hat, aber weder die Sprache spricht, noch sich irgendwann mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, sieht sich jetzt damit konfrontiert. Parallel dazu wird die Geschichte des Ursprungs der alten Bibel erzählt. Sie war 1915 das Einzige, was den armenischen Geschwistern Anahid und Hrant auf ihrer Flucht blieb. Helen taucht ein in die Rätsel des alten Buches, in das moderne Armenien und in eine Geschichte vom Exil, vom Verlorengehen und vom Schmerz, der Generationen später noch nachhallt. Und sie bricht auf zu einer Reise an die Schwarzmeerküste und zur anderen Seite des Ararat.

S. Fischer, 22 S., EUR 22.--

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Der Gesang der Flusskrebse

 

von Delia Owens

Ein Naturroman, ein Lob auf das Marschland in North Carolina. Aber auch eine Erzählung über das Erwachsen werden, über ein Mädchen, das lernen muss allein in der Wildnis zu leben und lernen sich gegen Mißtrauen und Verdächtigungen der übrigen Bewohner zu verteidigen. Nicht kitschig, auch wenn man dies vom Plot vermutet.

Handlung:

Die Familie von Kya Clark löst sich auf. Alle verschwinden sie in ein anderes, besseres Leben. Sie bleibt mit ihrem Vater zurück und muss bald auch ohne ihn, alleine klarkommen. Sie lebt im Einklang mit der Natur, im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Sie wird getäuscht und gerät in den Fokus der Gemeinde, denen sie immer ein Rätsel war.

hanserblau, 464 S., gebunden, EUR 22.--

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