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Das wirkliche Leben

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Das wirkliche Leben


von Adeline Dieudonnée

Was für ein starkes Buch!


In zwei Stunden gelesen, fassungslos verstört durch die Seiten gepflügt - das beschreibt mein Erleben beim Lesen diese Buches!

Es beginnt ganz harmlos - eigentlich, denn man spürt von Anfang, das nichts harmlos ist. Man berauscht sich an den genauen Beobachtungen der Gefühlswelt zweier innig miteinander verbundener Geschwister, einer Schrottplatz- Spielplatzidylle, dem kindlichen Spiel und der Nähe, während aber im Hintergrund das "Tier" schon seine Zähne fletscht.

Zuerst gibt es da dieses Jagdtrophäenzimmer des Vaters, dessen Aura einen erschaudern lässt. Dann ein Ereignis, dass die Scheinbaridylle im farblosen Wohnviertel erschüttert und eine jähe Zäsur der bisher mühsam aufrechterhaltenen Fassade unnerhalb der Familie greifbar macht. Es entlarft das vergebliche Bemühen der Geschwister durch ihre Innnigkeit dem äußeren Schrecken etwas entgegenzusetzen, als das was es ist, ein Versuch, das Offensichtlichen, die (männliche) Gewalt, die man als Leser*in auch von Anfang an zwischen den Zeilen spürt.

In der weiteren Folge der Erzählung breitet sich dieses böse Tier, die Gewalt personalisiert durch eine ausgestopfte Hyäne, immer mehr aus. Der Bruder, Gilles, zum Zeitpunkt des traumatischen Ereignisses, erst sechs Jahre alt, ist nicht mehr er selbst, seine Schwester sieht die Schatten die sich immer mehr in ihm ausbreiten und hat nur ein Ziel: Sie muss in die Vergangenheit reisen um das Ereignis rückgängig zu machen, in kindlicher Naivität, sie ist zehn Jahre alt, und der Energie einer Verzweifelten widmet sie den ganzen Sommer der Entwicklung einer Zeitmaschine. Im Erkennen der Unmöglichkeit ihres Ansinnens passieren zwei Dinge, zum einen endet damit abrupt ihre Kindheit, zum anderen, entdeckt sie ihre Leidenschaft für Naturwissenschaften, vor allem für die Quantenphysik.

Mehrere Bezugspersonen erwecken beim Lesen die Hoffnung, dass sich das Leben der Heldin doch noch zum Besseren wendet, doch es gibt keine Hoffnung, außer der Hoffnung selbst eine Kraft zu entwickeln sich aus der Situation zu befreien, die Opferrolle selbst zu verlassen.

Zur Handlung selbst will ich nichts Näheres schreiben - auch wenn ich fast platze, so viel Wut hatte ich beim Lesen. Einzelne Szenen sind aber so heftig, dass ich auch warnen muss. Ich werde einige Bilder lange Zeit in mir tragen.

dtv, 239 S., EUR 18.-

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