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Middle England

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Middle England


von Jonathan Coe

Das Buch war eines derjenigen, die mich perfekt abgelenkt haben, in einer Zeit, in der Nachrichtenmeldungen das Leben dominier(t)en. Es schafft etwas Seltenes: man taucht in eine Geschichte ein, um wenige Stunden dem Alltag zu entfliehen, und es bleibt dabei noch etwas hängen. Die authentischen Charakteren haben einen großen Anteil daran.

Der Roman läßt die Jahre vor dem Brexit in England naherücken, von 2010 bis 2017. (In den Erinnerungen der handelnden Personen auch die Zeit davor). Man wird wieder an Dinge erinnert, die fast schon Geschichte sind, dabei haben sie sich erst vor drei Jahren abgespielt und ihre die Folgen sind erst erahnbar. Folgen für Großbritannien und Folgen für Europa, wie wir es uns so nie vorstellen wollten. Anhand der handelnden Personen zeigt der Autor wie zerrissen das Land war und ist - lässt einen teilhaben an den Geschichten der Menschen, die den unversöhnlich einander gegenüberstehenden Parteien angehören. Die jungen Intellektuellen aus London, Dozenten, Schriftsteller, Verleger auf der einen Seite und die Menschen, die Ihren Lebenstandard bedroht sahen und sehen, die die einzige Chance in einem GB first, sahen und sehen, die Einwanderer als Bedrohung empfanden und empfinden und die immer noch der herausragenden Rolle Großbritanniens in Europa und der Welt nachtrauern. Exemplarisch Sophie und ihre Familie auf der einen Seite, der Mann den sie heiratet, weil sie von den intellektuellen Männern genug hat, Ian, und seine Familie und Freunde, auf der anderen Seite. Und doch schafft es der Autor jenseits der schwarz-weiß Klischees zu bleiben, meistens jedenfalls.

Verlagsbeschreibung:

Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft und ganz Europa – Coes klug-ironische Komödie zeigt, wie es dazu kommen konnte.
Benjamin Trotter zieht in eine romantische Wassermühle in die Grafschaft Shropshire, ins Herz des ländlichen England, um seinen Roman, an dem er schon 30 Jahre arbeitet, zu beenden. Seine Nichte Sophie fühlt sich im multikulturellen London zu Hause, lebt aber nach der Heirat mit ihrem Mann in der Provinz und spürt ein zunehmendes Unbehagen; ist auch er so fremdenfeindlich wie seine Mutter? Doug, Journalist und Labour-Anhänger, schämt sich für sein luxuriöses Leben im reichen Chelsea, das sich kaum jemand noch leisten kann. In den vermeintlich idyllischen Midlands mit festen Werten und Traditionen kommt eine bizarre Sehnsucht nach Englishness auf, und eine tiefe Kluft zieht in diesem abgehängten Landesteil durch alle menschlichen Beziehungen. Ab wann lief alles schief? Dieser unterhaltsame und fein gesponnene Gesellschaftsroman blickt tief in die Seele des englischen Wesens.

Das Buch ist in einem relativ jungen und kleinen Verlag mit Sitz in Bozen und Wien erschienen: Dem folio Verlag, dem nach eigenen Worten: ...."wichtig (ist) den kulturellen Austausch zu pflegen – auch in Zeiten der Krise und über Grenzen und Ethnien hinweg. Als Südtirolern ist den beiden Verlegern bewusst, wie fragil das friedliche Zusammenleben zwischen verschiedenen Sprachgemeinschaften sein kann. Aus diesem Grund haben sie sich von Beginn an für die damalige Krisensituation in Südosteuropa interessiert und jene literarischen Stimmen aus Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien versammelt, die sich für eine gemeinsame Zukunft einsetzten. Beispielgebend war die Zusammenarbeit mit der OSZE an der Anthologie „Verteidigung der Zukunft. Suche im verminten Gelände“, die herausragende friedenswillige Autoren der Krisenregion versammelte. Folio appelliert dezidiert an ein friedliches, offenes Europa und für den kulturellen Transfer zwischen Südosteuropa und Zentraleuropa, zwischen Italien und dem deutschen Sprachraum. Folgerichtig steht jedes Buch, jeder Autor für eine aufgeklärte Gesellschaft." (Zitat übernommen von der Verlagswebseite).

Middle England wurde mit dem Costa Book Award 2019 und dem Preis des Europäischen Buches 2019 ausgezeichnet.

folio Verlag, 477 S., gebunden, EUR 25.--

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