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Romane Herbst 2017

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Peter Holtz

Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

 

von  Ingo Schulze


Vom Waisenkind zum Millionär - wie konnte das so schiefgehen?
Für politisch interessierte Menschen, der deutschen Zeitgeschichte der 80er und 90er Jahre (Ende DDR, die Linke, Wiedervereinigung) ein Lesegenuss. Vielleicht muss man in dieser Zeit politisch sozialisiert worden sein, um ganz in das Buch eintauchen zu können. Aber auch für alle anderen Leser gilt: Bitte lesen, denn für mich verkörpert dieser Roman das, was wir brauchen: humorvolle, (nicht flache!) politische (nicht pädagogische!) psychologische (nicht Zielgruppenorientiert geschriebene) Romane, die unsere jüngste Geschichte, die politisch-wirtschaftliche Zusammenhänge und die gesellschaftlichen Entwicklungen im Fokus hat.   
Im Roman verkörpert dies der moderne Antiheld Peter Holtz, der sich,  wenn, dann ganz einer Sache verschreibt, so naiv wie konsequent.
Inhalt (Verlagstext):
Peter Holtz will das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch er wundert sich: Der Lauf der Welt widerspricht aller Logik. Seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf dem falschen Weg? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los? Peter Holtz nimmt die Verheißungen des Kapitalismus beim Wort.
Mit Witz und Poesie lässt Ingo Schulze eine Figur erstehen, wie es sie noch nicht gab, wie wir sie aber heute brauchen: in Zeiten, in denen die Welt sich auf den Kopf stellt.
S. Fischer, Hardcover, 576 S., EUR 22.-   

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Vintage


von Gregoire Hervier

 

Eine Roadnovel, ein Buch für Gitarren- und Musikliebhaber, ein Krimi, eine Popgeschichte... und einfach unterhaltsam. Was für ein Feuerwerk an Ideen! Macht einfach Spaß zu Lesen!

Klappentext:

"Thomas Dupré, 25, ist passionierter Musiker und ein Fan von Vintage-Gitarren, die er in dem Laden, wo er bisweilen aushilft, liebevoll restauriert. Daneben verdient er sich no etwas Geld mit Konzertbesprechungen. So geht sein Leben seinen Gang bis zu dem großen Tag, als sein Chef ihn mit einer Edelgitarre zu einem schottischen Landhaus entsendet: Ein mysteriöser Lord bietet im dort den Deal - und die Story - seines Lebens an: Gegen eine fürstliche Beolhnung soll er nach der teuersten aller Kultgitarren suchen, der 'Gibson Moderne'. ..."

Viele Gerüchte ranken sich um das edle Stück, doch ob es je gebaut wurde? Der schottische Graf, Lord Winslay, behauptet eine im Besitz gehabt zu haben, doch wo ist diese jetzt? Die Spuren führen Thomas nach Memphis und aus der Roadnovel wird ein skuriller spannender Krimi.

Nie langweilig mit viel Pop- Rock- und Musikgeschichte unterlegt. Ein Muß für jeden Gitarrenliebhaber aber auch für alle die sich gerne gut unterhalten lassen.

Diogenes, 400 S., EUR 24.-

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Das Leben des Vernon Subutex


von Virginie Despentes


Der Roman, im Original 2015 erschienen, war in Frankreich wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde hochgelobt. Jetzt liegt die Übersetzung vor und ich war gespannt ob er auch mich überzeugen kann.
Und ich muss sagen es macht richtig Freude ihn zu lesen. Natürlich nicht die große Literatur, aber ein intelligentes, vielschichtiges Panorama unserer Generation (der französischen, deutschen, europäischen Mittelschicht geboren in den späten 50ern und 60er Jahren).
Hauptperson ist Vernon Subutex, ihm gehörte früher ein Plattenladen, jetzt ist er pleite - sowohl sein Plattenladen, als auch er. Eingeschränkt auf das Notwendigste zum Überleben schafft er es das erste Jahr einigermaßen über die Bühne zu bringen, doch nun ist es vorbei. Er verliert seine Wohnung, sein Freund für schlechte Zeiten, ein ehemaliger Popstar, scheidet aus dem Leben - und er weiß nicht wie es weitergehen soll. Doch Vernon gibt nicht auf. Der Tod seines Freundes weckt Erinnerungen an seine beste Zeit und an seine Freundinnen und Freunde aus dieser Zeit. So beglückt er eine nach der anderen seiner alten Flammen mit seiner Anwesenheit, was nur eine Zeitlang gut geht. Auch die Familien seiner Freunde sind nicht gerade entzückt darüber wie er sich einnistet. Doch er ruft bei seinen  Freunden von früher auch viele positive Erinnerungen wach - an die gute alte Zeit der Pop- und Rockmusik, der Festivals, der Partys etc. Im Fokus aber auch die Freundinnen und Freunde heute - was ist aus ihnen geworden, wie haben sie sich im Leben eingerichtet. Dadurch erweitert die Autorin die Erzählung durch kritische Aspekte des Lebens heute, v.a. der Ängste der Mittelschicht. Es werden die Geschichten verschiedenster Lebensläufe erzählt - auf meist sehr humorvolle bis sarkastische Weise, so dass einem beim Lesen nie langweilig wird. Kurz, ich habe mich nie gelangweilt, das Buch ist leicht zu lesen, macht Spaß und ist dabei nicht banal. Und, womit ich vorwegnehme, dass Vernon seinen sozialen Abstieg überlebt: Im Frühjahr erfährt man, wie es Vernon in seinem Leben weiter ergeht. In der französischen Originalausgabe sind Bd.1-3 schon lieferbar.

Kiepenheuer & Witsch, 398 S., EUR 22.-

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Kieferninseln


von Marion Poschmann

Ein wunderbarer, trotzdem, oder gerade deswegen, schwer zu charakterisierender Roman. Hervorzuheben ist die klare deutliche Sprache, die nur scheinbar ein Widerspruch, eine schöne, ausmalende ist. Der Roman ist, "abgründig und lehrreich" (Tagesspiegel) und trotzdem leicht und humorvoll. ...

Fazit: selbst lesen!

Inhalt Verlagstext
Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide.

Die Kieferninseln ist ein Roman von meisterhafter Leichtigkeit: tiefgründig, humorvoll, spannend, zu Herzen gehend. Im Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische Über-Ich und die dunklen Götter des Shintoismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?

Ich schließe mich voll und ganz Andreas Platthaus, FAZ an:
"Marion Poschmann hat eine wunderbare Sprache für "Die Kieferninseln" gefunden, lakonisch, transparent wie ein japanisches Lackkunstwerk, das durch das wiederholte Auftragen und Polieren immer neuer Schichten erst Tiefenwirkung erhält."
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nicht umsonst:
- auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet
- auf der SWR-Bestenliste Oktober Platz 1
- Bestseller in Focus, Stern und Börsenblatt
- Spiegel Bestseller Hardcover

Suhrkamp, 168 S., EUR 20.--

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Was man von hier aus sehen kann

 

von Mariana Leky

Ich habe mit den Romanfiguren gezittert, gehofft, geweint und gelacht. Wäre es nicht kitschig würde ich schreiben "sie sind mir ans Herz gewachsen", denn das Buch ist alles andere als kitschig, die Menschen verschroben aber liebenswürdig, die Hauptprotagonistin nie unglaubwürdig in ihren Handlungen und Gedanken. Nein, wirklich, man wird hineingezogen in die Geschichte, lebt in diesem Dorf und mit den Menschen dort. Fast hätte ich das Buch nicht angefasst, da mich der Klappentext ..."immer wenn der alten Selma im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf" abgeschreckt hat. Wie schön wenn man dann so positiv überrascht wird.

Auf den weiteren Inhalt möchte ich nicht näher eingehen, denn ich will nichts vorwegnehmen. Einfach eintauchen in dieses Dorf, die Menschen, die Beziehungen der Menschen untereinander, sich überraschen lassen. Und leider auch, gehört zum Leben, miterleben müssen, wie sich trotz oder auch nachdem sich alle in Sicherheit wiegen, doch noch etwas geschehen kann.

Unbedingt lesen! Für Leserinnen und Leser von Benedict Wells "Vom Ende der Einsamkeit".

DuMont, 315 S., gebunden, EUR 20,--

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Tyll

 

von Daniel Kehlmann

Ein Autor und ein Roman zu dem sich schon so viele Rezensenten - einschließlich "Das literarische Quartett" geäußert haben, dass ich  auf die Einschätzung derer verweisen möchte - oder noch besser: man möge sich ein eigenes Bild machen. Ich halte den Roman für einen der besten 25 Neuerscheinungen des Herbstes.

Verlagstext:


Tyll", der neue Roman des Erfolgsautors Daniel Kehlmann – er veröffentlichte u.a. "Die Vermessung der Welt", "Ruhm", "F" und "Du hättest gehen sollen" –, ist die Neuerfindung einer legendären Figur: ein großer Roman über die Macht der Kunst und die Verwüstungen des Krieges, über eine aus den Fugen geratene Welt.
Tyll Ulenspiegel - Vagant, Schausteller und Provokateur - wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der den absonderlichen Plan verfolgt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, dessen größtes Geheimnis darin besteht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erschwindelt und erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben.

Rowohlt, 480 S., EUR 22,95

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Quality Land


von Marc-Uwe Kling

Viele kennen Marc-Uwe Klings "Känguru-Chroniken". Intelligente, humorvolle kritische Comedy/Satire die die Dinge exakt auf dem Punkt bringt... Jetzt ein Roman. Eine "dystophische Komödie" eine "humvorvolle Dystopie" - man muss ein neues Genre erfinden - bei der einem, trotz komödiantischer Übertreibungen, so ein Rest an unangenehmen Gefühl bleibt. Für eine Kritik an den kommenden Auswirkungen der Digatlisierung 4.0 ist das Buch nicht ernsthaft genug, doch wo liegen die Grenzen des Machbaren? Genau dies auf unterhaltsame Weise aufzuzeigen ist Aufgabe des politischen Kabaretts, der politischen Satire und gelingt Marc Uwe Kling.

Inhalt:

Willkommen in QualityLand! In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er bewusst oder unbewusst haben will, automatisch zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen — denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: o. k. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig — und so komisch wie die Känguru-Trilogie.

Ullstein, 384 S., EUR 18.-

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Die Sprache des Regens


von Roland Schimmelpfennig


Ein außergewöhnliches Buch. Sowohl sprachlich als auch erzähltechnisch sehr eigen. Man muss sich darauf einlassen können.

Sie Protagonisten, ein ganzes Dorf, und die Handlung, entwickeln sich langsam. Beispielhaft: "der Mann der Frau, deren Notizbuch der Polizist gefunden hatte, arbeitete an diesem Morgen". Dieser Satz kündigt die Handlung an, die teilweise zwei Seiten vorher vorweggenommen wurde, dort wird eine Hausdurchsuchung beschrieben in deren Folge eine Frau verhaftet wird (die Frau des Mannes).  Bei dem Ehepaar handelt es sich um die Eltern der jungen Frau, Isabell, die nach langer Zeit wieder in ihr Heimatdorf kommt zusammen mit ihrem Freund, dem sie ihre Familie vorstellen möchte. Doch ihre Mutter wurde tags davor verhaftet von ihrem ehemaligen Schulfreund der jetzt Polizist ist. Niemand weiß warum. Die Protagonisten bekommen im Laufe der Erzählung Namen und Biografien, man lernt sie zuzuordnen. Sie wohnen alle schon sehr lange dort, über mehrere Generationen. Ihre Biografien sind eng miteinander verwoben. Einstmals war das Dorf wohlhabend. Der Autor erzählt viele Geschichten über die Beziehungen der Menschen im Dorf, früher und heute, das alles sehr komprimiert und absichtlich den Eindruck erweckend die Episoden wären wahllos aneinandergereiht, Bruchstücke werden erzählt, der Faden geht verloren um an anderer Stelle aus einer anderen Perspektive wieder weitergesponnen zu werden.

Das Besondere an dem Buch ist die Gratwanderung zwischen Hochachtung vor dem Schreibstil und dem Genervtsein aufgrund des Schreibstils. Denn die ständigen Wiederholungen der Attribute eines Namens, ein Name kann nie allein stehen, haben mich auch schon mal genervt z. B. als ich zum 3. Mal von "Ugor" las, "dem Friseur der früher mal ein Kino hatte", oder der "Tochter, deren Mutter früher Anwältin dann Lehrerin war und jetzt im Gefängnis saß". Man möchte da einfach ausrufen: Sie heißt Isabell! Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen: Lesen!

S. Fischer, 315 S., gebunden, EUR 22.--

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Ein Mensch brennt


von Nicol Ljubic


Geschichte der Anti-AkW-Bewegung in den 70erJahren. Aus der Perspektive eines Kindes, Hannos, dessen Mutter durch einen Untermieter politisiert wird, erzählt.

Verlagstext:

Wenn es um Fußball geht, kann man dem zehnjährigen Hanno Kelsterberg nichts vormachen. In Sachen Protest allerdings auch nicht. Seit zwei Jahre zuvor der asketische Hartmut Gründler ins Souterrain der Familie zog und sich als unbeugsamer Politkämpfer entpuppte, steht Hannos einst heile Welt auf dem Kopf. Statt Fußball zu spielen, muss er nun mit zu Demos und verteilt Handzettel. Während der Vater den Mann im Keller zunächst belächelt, gerät die Mutter in den Bann des kompromisslosen Idealisten, die Ehe zerbricht. Ein provokanter und berührender Roman über eine Familie, die unversehens von der Zeitgeschichte gestreift wird.

dtv, 336 S., gebunden EUR 20.--

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Exit West


von Mohsin Hamid


Eine kreative Antwort auf der Suche nach einer Lösung der Problematik der Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen.
Der Roman beginnt in einem arabischen Land, welches genau gemeint ist, wird nicht spezifiziert. Es regiert ein fundamentalistisches Regime. Gegner werden hingerichtet, Frauen- und Menschenrechte brutal eingeschränkt und verletzt. es herrschen der Scharia angelehnte Gesetze. Die weibliche Hauptprotagonistin Nadia, Anfang 20, passt sich nur äußerlich an das System an, doch sie lebt alleine in ihrer eigenen Wohnung, sie fährt Motorrad, raucht Haschisch und hatte auch schon Beziehungen zu Männern. Nach außen gibt sie sich fromm und trägt über Jeans und T-Shirt stets einen schwarzen Umhang mit Kopftuch. Saeed lernt sie in einem Kurs kennen und sie verlieben sich ineinander. Am Anfang scheint es, dass sie auch unter den rigiden politischen und gesellschaftlichen Regeln ihre Nischen finden, doch die Repressionen nehmen zu und sie beschließen da Land zu verlassen. Der Autor baut an dieser Stelle ein mystisches Element ein. Es gibt geheimnisvolle Türen, durch die man schreiten muss, und man befindet sich in einem anderen Land. Für Nadia und Saeed ist dies zuerst Griechenland, die Insel Mykonos, dann London, dann San Francisco und am Schluß treffen sie sich - 50 Jahre sind vergangen - wieder in der Heimat.
Die verschiedenen Aufenthaltsorte bergen unterschiedliche Risiken, es kommt zu Gewalt, die Anpassung an neue Gegebenheiten hat auch Auswirkungen auf die Beziehung von Nadia und Saeed. Sie finden unterschiedliche Antworten auf die immer neuen Anforderungen. Doch der Grundton der Geschichte um Flucht und Suche nach Heimat ist v.a. im letzten Drittel des Romans sehr optimistisch. Nach bürgerkriegsähnlichen Zuständen hat sich die Lage beruhigt. Die europäischen Länder - hier im Buch als Beispiel England, haben Gesetze zur Befriedung der Situation zwischen Einheimischen und Flüchtlingen verabschiedet. Wer eine Wohnung, ein Haus zugeteilt bekommen möchte, muss dafür im Hoch- Tiefbau, bei der Erschließung neuer Wohngebiete und der Errichtung der Häuser arbeiten und auch einen gewissen Bleibeobulus leisten, der immer geringer wird, je länger man sich im Land aufhält und dort arbeitet. Auch in den früheren Kriegsgebieten hat sich die Lage beruhigt, so dass viele wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Auch Nadia und Saeed treffen sich inzwischen im fortgeschrittenen Alter, wieder dort.

Ein durchaus lesenswertes Buch zum Thema, das zur Diskussion beitragen kann, fehlt es doch im Moment oft an Mut die Integrationsfrage kreativ weiterzudenken.

Dumont, 223 S., geb. EUR 22.-

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Wiener Straße


von Sven Regener


Als Fan von Sven Regener und nochmehr seiner Figur "Herr Lehmann" muss man natürlich auch dieses Buch lesen. Ja man hört schon mein Aber....Vielleicht war es einfach so dass der absolut köstliche, phänomenale Anfang des Buches meine Erwartungen zu sehr gepuscht hat. Ich hätte mir gewünscht, es würde so weitergehen. Doch in der Mitte, vor allem die Handlung rund um die "Arsch-Art-Gallery", war mir zu flach. Die Handlung rund um das Café Einstein, ist 1A, wie erwartet, und auch das Ende des Buches versöhnt mit den Hängern rund um P. Immel, Kacki und die Arsch-Art-Galerie.

Inhalt:
Wiener Straße beginnt im November 1980 an dem Tag, an dem Frank Lehmann mit der rebellischen Berufsnichte Chrissie sowie den beiden Extremkünstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in eine Wohnung über dem Café Einfall verpflanzt wird, um Erwin Kächeles Familienplanung nicht länger im Weg zu stehen. Herr Lehmann ist als Putzkrfaft eingestellt, Chrissie will unbedingt einen Job hinter der Theke und ständig tauchen Neben- und Randfiguren auf, die typisch für Sven Regeners Erzählweise Menschen aus dem Kiez Kreuzberg Anfang der 80erJahre sind. Einer Welt aus Künstlern, Hausbesetzern, Freaks, Punks, Alteingessenen und Neuberlinern. Die Dialoge, dieser trockene Humor macht Spaß, wird, meiner Meinung nach, an manchen Stellen etwas überstrapaziert.
Dagegen das Finale im Kunsthaus "Artschlag" wo sich bei der Vernissage alle Protagonisten begegnen und diese ein furioses Ende findet - Klasse!  

Galiani-Berlin, 304 S., gebudnen, EUR 22.-

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Kind ohne Namen


von Christoph Poschenrieder

Der Autor schreibt zum erstenmal aus der Sicht einer Frau. Xenia, eine moderne junge Frau, die froh das Landleben verlassen zu haben, in die Stadt geht um zu studieren. Nach einem Jahr kehrt sie schwanger, was niemand wissen soll, und desillusioniert wieder in ihr Dorf zurück. Dort drohnt der Burgherr nach wie vor über dem Dorf und ihren Bewohnern und hat nach wie vor nichts Gutes im Sinne. Xenias Mutter als ehemalige Lehrerin und Bürgermeisterin, hat ihre neue Aufgabe bei der Integration von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten gefunden. Auch Xenia soll ihr dabei helfen den unüberbrückbaren Graben zwischen den Dorfbewohnern und Flüchtlingen zu überwinden. Xenia hat aber vor allem an einem jungen Flüchtling Gefallen gefunden. Um den Frieden wiederherzustellen, lässt sich Xenias Mutter auf einen verhängnisvollen Handel mit dem gefürchteten Burgherrn ein. Was sie nicht weiß: Sie gefährdet damit das ungeborene Kind. Doch es handelt sich hier um keinen Flüchtlingsroman, es ist eher ein Entwicklungsroman mit einer sehr sympathischen Portagonistin, mit einem Hauch von skurillen Elementen. Keine große Literatur, aber ich habe es gerne gelesen.
Zum Autor:
SPIEGEL 04.10.17
"as war schon in seinem Debütroman "Die Welt ist im Kopf" von 2010 so. Darin ließ er den als Griesgram und Frauenhasser verschrienen Philosophen Arthur Schopenhauer auf Lord Byron treffen und gönnte ihm ein paar heftige - wohl fiktionale - Liebeleien. Kritiker jubelten, Poschenrieder formuliere ähnlich dringlich wie Daniel Kehlmann in "Vermessung der Welt". Mit "Das Sandkorn" aus 2014, einer Liebes- und Krimistory um einen schwulen Kunsthistoriker im Ersten Weltkrieg, war Poschenrieder für den Deutschen Buchpreis nominiert. In "Mauersegler" von 2015 verfrachtete er alte, reiche Männer in eine Villa und ließ sie herrlich gaga ihre Selbsttötung verhandeln." von Barbara Schulz

Diogenes, 288 S., gebunden Leinen, EUR 22.-

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Rimini

 

von Sonja Heiss


Eine ganz normale Familie, normal dysfunktional.
Ein Frauen- und ein Männerroman - denn beide kommen gleich schlecht weg. Beziehungsunfähig, narzisstisch, suchend.

Verlagstext:
Sonja Heiss’ Romandebüt wird einiges mit Ihnen anstellen: Sie werden laut lachen, Sie werden sich selbst und Ihre Familie wiedererkennen und Sie werden mehr lesen wollen. Versprochen!
Hans ist Anwalt, reich und erfolgreich. Doch auf einmal kehrt diese irrationale Wut in ihm zurück. Seine Ehe funktioniert nicht mehr und statt mit seiner neuen Psychoanalytikerin Frau Doktor Mandel-Minkic an seinen Problemen zu arbeiten, verliebt sich Hans in sie. Seine Schwester Masha ist 39 Jahre alt, als sie beschließt, ein Kind mit ihrem Freund zu bekommen. Doch plötzlich geht er ihr schrecklich auf die Nerven. Masha begibt sich auf die panische Suche nach einem neuen Mann, doch ihre Idee, im Bett den zukünftigen Vater ihres Kindes zu finden, ist zum Scheitern verurteilt.
Alexander und Barbara, die Eltern der ungleichen Geschwister, sind seit über vierzig Jahren leidlich glücklich verheiratet und müssen sich jetzt im Alltag eines Rentnerpaars einrichten. Während Alexander sich schon einsam fühlt, wenn seine Frau in ein anderes Zimmer geht, bleibt für sie nur die Flucht. ...
"Ein unterhaltsamer Roman, der seinen Humor aus den Abgründen des Lebens schöpft." (Der Verlag)

Kiepenheuer&Witsch, 400 S., gebunden EUR 20.--

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Direkt danach und kurz davor


von Frank Witzel


Frank Witzel wie man ihn von seinem Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" kennt. Für diesen wurde  Witzel 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. So virtuos geht er mit Sprache, Handlung, Szenerie um. Nur so ganz erschließt sich einem der Sinn und die Absicht nicht immer aber gerade das macht Spass!


Verlagstext:
Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Es herrscht Krieg im Frieden, aller Umerziehung zum Trotz. Körperteilopferungen werden ausgestellt und das Waisenhaus brennt. Flugzeuge stürzen ab, Züge entgleisen, die Pläne zur Weltmechanik sind unauffindbar. Kinder gründen eine neue Religion und ersticken unter Lawinen. Der begabte Zögling Fählmann verlässt das Waisenhaus nicht mehr. Der Kretin hängt unter der Decke und beobachtet seine Eltern. Siebert steht am Fenster. Er wartet auf Marga. Doch Marga scheint verschwunden. Ihr Körper nicht mehr auffindbar. Ein Chor unterschiedlicher Stimmen fragt in diesem unheimlichen Buch von Frank Witzel unermüdlich nach dem, was wirklich geschah. Die Stimmen versuchen, Geschichte durch Geschichten zu erfassen. Sie tasten nach Gründen und werfen mit jeder Frage neue Fragen auf. Gewissheit wird zur Illusion, das Imaginierte zum letzten Zufluchtsort. So steigt der Leser immer tiefer in die Bodenlosigkeit von Geschichte und sieht hinab in das Grauen des Menschenmöglichen.

Nominiert für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017.


Matthes& Seitz, 552 S., Hardcover, EUR 25.--

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Die Hauptstadt


von Robert Menasse

Deutscher Buchpreis 2017


Verlagstext:
Der große europäische Roman
In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

Suhrkamp, 459 S., EUR 24.-

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Das Minsterium des äussersten Glücks


von Arundhati Roy

20 Jahre lang mussten wir auf einen neuen Roman der indischen Autorin des Romans "Der Gott der kleinen Dinge" warten.

Verlagstext:
Arundhati Roys lange herbeigesehnter Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« führt uns an den unwahrscheinlichsten Ort, um das Glück zu finden. Eine Reihe ausgestoßener Helden ist hier mit ihrem Schicksal konfrontiert, aber sie finden eine Gemeinschaft, sie bilden eine Familie der besonderen Art.
Auf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgeknüpfter Teppich ausgerollt. Auf einem Bürgersteig taucht unverhofft ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine 5-jährige Tochter über die vielen Menschen, die zu ihrer Beerdigung kamen. In einem Zimmer im ersten Stock liest eine einsame Frau die Notizbücher ihres Geliebten. Im Jannat Guest House umarmen sich im Schlaf fest zwei Menschen, als hätten sie sich eben erst getroffen – dabei kennen sie einander schon ein Leben lang.
Voller Inspiration, Gefühl und Überraschungen beweist der Roman auf jeder Seite Arundhati Roys Kunst. Erzählt mit einem Flüstern, einem Schrei, mit Freudentränen und manchmal mit einem bitteren Lachen ist dieser Roman zugleich Liebeserklärung wie Provokation: eine Hymne auf das Leben.

Der Roman steht auf der Longlist des Man Booker Prize 2017

S.Fischer, geb. 560 S., EUR 24.-

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Und es schmilzt

 

von Lize Spit

   
Großartig erzählt! Das Subtile, das immer mitschwingt - atmosphärisch genial eingefangen. Immer näher rückt beim Lesen die unausweichliche Folge des Geschehns vor dreizehn Jahren - man will es eigentlich gar nicht wissen, weil man ahnt, dass die Folgen schwer verdaulich sein werden - und trotzdem muss man weiterlesen. Dieser Sog funktioniert nur dann, wenn man ganz unbedarft an das Buch herangeht. Nicht mit Anderen, die das Buch schon gelesen haben,  darüber reden!

"Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt." (Der Verlag)

Inhalt:

Eva lebt als Mädchen glücklich in einem Dorf, wächst auf zwischen Feldern und Pferdekoppeln. Es ist Sommer, und wie immer verbringt sie die Zeit mit ihren besten Freunden. Diese Zeit lässt die Ich-Erzählerin jetzt 13 Jahre später wieder aufleben, während sie mit ihrem Auto zurückfährt in ihr Dorf, Anlass ist eine Geburtstagseinladung. In ihren Erinnerungen an diese Zeit schwingt von Anfang an ein bedrohlicher Unterton mit. Noch dazu hat sie als Beigabe einen Eisblock im Kofferraum, der langsam schmilzt. (Daher auch der Titel).
Mehr darf man über den Inhalt nicht schreiben/sagen.

- Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres
"Und es schmilzt besetzt eine besondere Stelle in Ihrem Kopf – irgendwo zwischen Behaglichkeit, Unruhe, Vertrautheit und Entsetzen." Saskia de Coster

Sehr hochwertige Ausstattung. Prägedruck und farbiger Schnitt.
Fischer, 512 S., EUR 22.--

weitere Neuerscheinungen über die man spricht:

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